Ein chinesischer Fluch

Der Fluch lautet: Mögest du bekommen, was du dir wünschst. Das soll ein Fluch sein? Klingt doch wie ein Glückwunsch zum Geburtstag. Und ist es nicht genau das, wonach die Menschheit sich pausenlos sehnt? Richtig, das wünschen die Leute sich – ohne zu ahnen, dass sich im Falle der Erfüllung an Stelle des Glücks ein Fluch an ihnen verwirklichen könnte. Wer möchte nicht der König oder die Königin seines Lebens sein? Aber wie sieht es unter der prunkvollen Oberfläche aus? Eine Monarchin kann ich gut mit einer Bienenkönigin vergleichen. Diese wird ganz jung schon auserkoren, mit Gelee Royal aufgezogen, ihr letzter Akt in Freiheit ist der Hochzeitsflug, dann bleibt sie im Bau und gebärt und gebärt ganze Völker. Sie überlebt die Arbeiterinnen und Drohnen um ein Mehrfaches. Aber klingt da nicht eine Ähnlichkeit mit den Knebelungen des Hofprotokolls an? Wenn der Wunsch, König oder Königin zu werden, sich erfüllt, erfüllt sich auch der Fluch. Unbemerkt zuerst in der Euphorie des Errungenen werden bald die Zwänge zur Last. Inzwischen lacht die Welt über die Seitensprünge zweier Monarchen – aber wer will es ihnen verdenken. Auf ein Bienenvolk übertragen, hieße dies, die Königin würde des Nachts heimlich Bau und Brut verlassen und sich in den Wolken mit einer Drohne treffen. Und dafür hätte ich durchaus Verständnis.

Aber auch wir Nicht-Adeligen könnten gegebenenfalls in die Zwangsjacke geraten, die uns erfüllte Träume bescheren. Erinnern Sie sich, als das Schicksal Ihnen das lange umkämpfte Ziel bescherte? Wie da nach einer kurzen Euphorie das Triumphgefühl des Siegers bereits schal wurde und eine Leere folgte, die kaum etwas mit Glück zu tun hatte. Das ist das Seltsame an unserer Psyche: Glück beschert uns am ehesten die Zeit, da wir auf dem Weg zu etwas sind, nach dem wir streben. Die mit Blick auf eine gelungene Zukunft vorfabrizierten Emotionen suggerieren uns den glücklichen Zustand. Während dagegen die Wirklichkeit, so prachtvoll sie sich uns in den Momenten des Gewinnens präsentieren mag, uns seltsamerweise ernüchtert. Wir fühlen nur, dass wieder einmal ein Spiel zu Ende gegangen ist. Würden sich, den chinesischen Fluch realisierend, alle unsere Wünsche erfüllen, all unser Begehren Realität werden, gäbe es in unserem Leben den Kontrast nicht mehr, der uns Gefühle erst erfahren lässt. Wenn es Ihnen das nächste Mal passiert, dass erreichte Ziele Sie verraten, dann beweisen Sie dem Schicksal Ihre Lernfähigkeit: Sie stürzen sich diesmal nicht auf der Stelle in die nächste Vision, ins nächste Abenteuer. Warten Sie lieber ab, bis die Tür des Wachstums von selber aufgeht. Geben Sie alle Versuche auf, sie einzutreten.

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