An der Quelle des Tao 43

Das Allerweichste auf Erden, überholt das Allerhärteste auf Erden.

Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das, was keinen Zwischenraum hat.

Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns.

Die Belehrung ohne Worte, den Wert des Nicht-Handelns

erreichen nur wenige auf Erden.

Wieder lassen Laotses Formulierungen Annäherungen an Protokolle subatomarer Versuchsreihen erkennen, wo Teilchen durch scheinbar undurchdringliche Materie geschossen werden. Mich würde ein Phantasiedialog interessieren, in dem Laotse zu neuzeitlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen Stellung nimmt. Ich könnte mir vorstellen, dass den Mann des Tao nichts davon überraschen würde, so wenig, wie der Anblick eines rosaroten Elefanten ein kleines Kind aus dem Gleichgewicht brächte. Es würde das Vorhandensein des Fabeltiers einfach ohne besonderes Aufhebens als selbstverständliche Gegebenheit ansehen, so spektakulär uns Erfahrenen, Konditionierten ein solcher Anblick vorkommen würde. Laotse hat seinen Schriften nach zu urteilen, niemals versucht, andere durch provokativ betonte Intelligenz zu beeindrucken. Manche seiner Reden sind in der Wortwahl so schlicht, dass sie ebenso gut von einem Toren stammen könnten. Ich meine, gerade hinter dieser Schlichtheit versteckt sich seine große Weisheit. Sie kann von einem einfachen Verstand wahrscheinlich intuitiv leichter verstanden werden als vom analytischen Denken des Intellektuellen. Der Philosoph, der Laotses Worte in seine Einzelteile zerlegt, wird am Ende keine Aussage mehr darin finden. Mit der Analyse zerfällt die in seinen Texten eingelagerte Weisheit.

Laotse kann verstanden werden, wenn ein Spruch vor dem kompletten Hintergrund taoistischen Denkens gesehen wird. Dann öffnet sich auch das Verständnis für das paradox anmutende Gleichnis von der Durchschlagskraft scheinbar schwächlicher Elemente durch härtesten Widerstand. Laotse stellt die Beziehung zum Nichthandeln her, in dem genau dieses Prinzip des vordergründig physikalisch unmöglich Scheinenden zur Anwendung kommt. Nicht-Handeln basiert auf Beobachtung. Und das besitzt mehr Wert als Handeln auf der Grundlage von Wissen und Erfahrung. Denn: Schöpfung ist ein fortschreitender Prozess. Unsere Außenwelt entsteht kontinuierlich aus dem Nichts und wird für uns wahrnehmbar. Aber sie entsteht auf der anderen Seite aus dem Nichts,           w e i l   wir sie wahrnehmen. Ohne Beobachtung gäbe es das Sein nicht. („Der Baum, der im Wald ungehört fällt, erzeugt kein Geräusch“, sagte einst der Bischof von Berkeley.) Und in dieser Beobachtung, in der der Nicht-Handelnde in Personalunion der Beobachtende      u n d  das Beobachtete ist, existiert für den Menschen des Tao die Möglichkeit zum Handeln, zum Durchdringen von Problemkreisen des Widerstandes, die nach menschlich-mathematischem Ermessen undurchdringlich sind. Dies ist die gewaltige Kluft, die unsere alten, unvollkommenen Muster von jenen des Nichthandelns trennt.

Weil Laotses Wahrheit so unorthodox ist, schließt er in den zwei letzten Zeilen des dreiundvierzigsten Verses auch aus, dass die Massen den Wert des Nicht-Handelns erkennen würden. Es sind keine Erwählten, vom Tao höchstpersönlich aus dem Kollektiv herausgepickt, welche den WEG finden – der Urgrund der Dinge kümmert sich keinen Deut darum, ob es jemand begreift oder nicht. Es liegt einzig an uns, ob wir unsere alten Denkmuster aufgeben können und uns dem Neuen, so Ungewöhnlichen zu öffnen imstande sind. Wie schon betont, fehlen Belehrungen über den Wert des Nichthandelns die Worte. Es ist und bleibt ein Lernen, dessen Nützlichkeit uns wohl nur die eigene aufgeschlossene Beobachtung des Lebens liefern wird.

 

Dieser Beitrag wurde unter Taoismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu An der Quelle des Tao 43

  1. Je sagt:

    Liebe Sabine – vielen Dank für den Text.

    Übrigens ein sehr schöner Text – der Vers 43,
    und er passt so gut in die aktuelle Zeit.
    Denn die meisten glauben, wir müssen (nur) reden …
    dabei spalten die Worte und Aktionen
    derzeit mehr als sie zusammenfügen.
    wichtiger ist doch:
    wir müssen erst (wieder) zuhören (lernen).
    Das Zuhören … das echte Zuhören … ist
    Nicht-Handeln … reines Beobachten
    – unvoreingenommen
    ohne Bewertung, ohne Schubladen.
    Meinung anderer – andere Meinungen
    wahrnehmen
    ohne einzusortieren.
    ohne zu diffamieren.
    Zuhören und diskutieren. Respektieren.
    Gemeinsam die Dinge betrachten.
    Dinge, die uns verbinden.
    Konsens finden – Mitte finden
    zwischen den Polen.
    Nur so gelingt Frieden.

    Je 03.11.2020

  2. Alter_Chinese sagt:

    Einzig die Taobaustelle ist eine ewige Baustelle. 🙂

    Merci!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.