An der Quelle des Tao 5

Himmel und Erde sind nicht gütig. Ihnen sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.

Der Berufene ist nicht gütig. Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.

Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde ist wie eine Flöte,

leer und fällt doch nicht zusammen; bewegt kommt immer mehr daraus hervor.

Aber viele Worte erschöpfen sich daran. Besser ist es, das Innere zu bewahren.

Dieser fünfte Spruch aus dem Tao te king wäre wohl das Letzte, was ein Texter in einen Werbeprospekt für den Taoismus aufnehmen würde. Er sagt auf den ersten, eigentlich auch auf den zweiten oder dritten Blick nichts aus, was einen Menschen auf der Suche nach dem Sinn ansprechen könnte. Die Aussage zeichnet offenbar das Bild einer Philosophie ohne Mitgefühl und wirkt ziemlich abschreckend auf den Betrachter. In einer anderen Übersetzung des Spruches wird die Negation noch deutlicher: „Die Natur (das Tao) ist ungütig.“ „Der Weise ist ungütig.“ Im Grunde bewundere ich Laotses Mangel an Hemmungen, die Lehre vom Tao so kompromisslos vorzutragen. Ihm fehlen alle Bedenken vor möglichen Missverständnissen, hier wird dem Leser und Nachfolger eine Menge abgefordert. Dem Text fehlt auch der Charme von Chuang tzus Skurrilität – wenngleich Laotses Worte in sich ebenfalls eine krude Logik enthalten. Als mein Blick bei der Suche nach einer geeigneten Vorlage auf den fünften Spruch fiel, hatte ich bereits weitergeblättert. Dann hielt ich inne und blätterte zurück. Die Worte, die mir da entgegen grollten, hatten es in sich. Ich fühlte mich herausgefordert – da hatte jemand zahllose Generationen vor mir ohne Rücksicht auf Fehlinterpretation etwas ausgesagt, das auf mich beinahe wie ein Zen-Koan wirkte. Ich suchte bei Chuang tzu, und dort fand ich Aufklärung über Laotses Motiv für seine Negationen. Der Spruch ist in erster Linie als Seitenhieb gegen Konfuzius gedacht. Dessen Moralpredigten und Anleitungen zu Güte und Sittlichkeit hatten Ähnlichkeit mit dem religiösen, gnadenlosen Eifer eines Savonnarola. Chuang tzu setzte sich später intensiv mit dem Kontrast zwischen der taoistischen Philosophie und Konfuzius’ Lehre auseinander – und ließ selten einen guten Faden an dem Patriarchen.

Die aus Stroh gefertigten Opferhunde waren Bestandteil eines Begräbnisrituals. Man umhüllte sie mit Stickereien und stellte sie in einem Schrein auf. Nach dem Begräbnis wurden sie weggeworfen, jeder trampelte darauf herum und am Schluss wurden sie verbrannt. Chuang tzu wirft Konfuzius vor, er würde die Opferhunde nach Gebrauch weiter schmücken, aufbahren und zu ihren Füßen schlafen, bis er Alpträume bekäme. Und würde Schüler um sich sammeln, denen er die gleichen sinnlosen Riten aufzwänge. Der Satz „Himmel und Erde sind nicht gütig“, drückt Laotses geschlossene Auffassung vom großen Tao, der Quelle der ganzen Schöpfung aus, das sich über alle Dinge und Personen erhebt. Er will deutlich machen, dass das Tao vollkommen unpersönlich und in seinem Wirken unparteiisch ist. Das ist einer der entscheidenden Unterschiede zwischen dem Tao und dem christlichen Gottesbegriff, aber auch der himmlischen Macht des Konfuzius. In dieser Auffassung  von Unparteilichkeit ähnelt das Tao der Auffassung des Wissenschaftlers von einem unpersönlichen Naturgesetz, das keinerlei Ausnahmen für einzelne kennt. Einer der Kernpunkte von Laotses Lehre, der von Chuang tzu mit getragen wird, ist die Erkenntnis, dass das Tao allen ohne bewusste Güte zugute kommt. In der Welt unbewusster Güte, schreibt er, seien alle Menschen gut gewesen, aber sie hatten nicht gewusst, dass das Menschlichkeit war. Das Tao lässt alles Geschaffene gedeihen, doch es betrachtet es nicht als Güte. Denn vollkommene Güte, die wahre Liebe zur Menschheit, ist nicht auf Einzelhandlungen beschränkt. Willkürliche Güte ist korrupt, weil sie einer Lehre folgt und bestimmte Ziele hat. Darum ist sie keine wirkliche Güte.

Der Berufene ist nicht gütig. Hier wechselt Laotse vom Allgemeinen zum Persönlichen: der Mensch des WEGES ist in seiner Güte so wertneutral wie das große Tao. Der Mensch des Tao trägt Güte, Mitgefühl und Liebe als Wesensbestandteil der ewigen Ordnung in sich selbst. Chuang tzu drückt es in einer erfundenen, an Konfuzius gerichteten Rede Laotses treffend aus: Ihr wisst ja, dass Himmel und Erde ihre ewigen Ordnungen in sich selbst haben, dass Sonne und Mond ihr Licht in sich selbst haben, dass Sterne und Sternbilder ihre Ordnung in sich selbst haben, dass die Tiere ihren Herdentrieb in sich selbst haben, dass die Pflanzen ihren Standort in sich selbst haben. Einfacher ausgedrückt: Die Wesensmerkmale des Tao sind uns so wenig bekannt wie das Tao selbst. Aber ebenso wie die Natur und das Weltall besitzen wir Menschen diese Wesenseigenschaften in uns selbst. Wir bräuchten sie in ihrer reinen, was meint, unbeeinflussten Form nur in unserem Leben zur Auswirkung kommen zu lassen, um sie zu entdecken – und damit folglich auch Erkenntnis über das Wesen des Tao zu gewinnen, weil es die Quelle dieser universalen Eigenschaften, die Güte nicht ausgeschlossen, ist.

Im weiteren Textverlauf vergleicht Laotse das Weltall mit einer Flöte. Chuang tzu ersetzt in einem Kommentar zum 5. Spruch die Flöte durch eine kräftigere Metapher: Das Tao ist wie ein Blasebalg. Das Tao ist tief und profund im Ruhezustand, kristallklar wie ein Teich. – Mächtig springt es ins Leben, plötzlich bewegt es sich und die ganze Schöpfung folgt… Wenn man es ansieht, ist es dunkel. Aber in der Dunkelheit erscheint ein Licht, und in der Stille ertönt ein Akkord.… Empfangen ohne voll zu werden, vergossen werden ohne leer zu werden, und nicht wissen, wie einem geschieht – das ist die Kunst der Bewahrung des Lebens. Dazu gibt es nicht viel zu sagen – entweder jemand versteht es, vermag zu erfühlen, erahnen, was ausgedrückt wird, oder er versteht es eben nicht. Ich bin am Ende von poetischen Texten der alten Taoisten immer versucht, meinen Leserinnen und Lesern noch einige erklärende Sätze mitzuliefern. Dabei wird mir bewusst, welchen schlechten Dienst ich Ihnen damit erweisen würde. Sie gewinnen viel mehr im stillen Gewahrsein von Chuang tzus Worten. Lassen Sie die Sätze auf sich einwirken und spüren Sie, was sie an Gefühlen und nonverbalen Einsichten sie in Ihnen auslösen. In der Übersetzung von Lin Yutang schließt der Spruch mit diesen zwei Zeilen:

Durch viele Worte wird der Geist erschöpft

Besser ist es daher, sich an das Innerste zu halten.

 

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