An der Quelle des Tao 70

Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen, sehr leicht auszuführen.

Aber niemand auf Erden kann sie verstehen, kann sie ausführen.

Die Worte haben einen Ahn. Die Taten haben einen Herrn.

Weil man die nicht versteht, versteht man mich nicht.

Eben dass ich so selten verstanden werde, darauf beruht mein Wert.

Bis auf den Hinweis auf den „Ahn der Worte“ und den „Herrn der Taten“ scheint Laotses siebzigster Spruch im Vergleich zu anderen Verlautbarungen des Weisen leicht zu verstehen, wie er es auch in der ersten Zeile betont. Doch dieser erste Eindruck täuscht. Selbst Lin Yutang, ein profilierter Interpret alten chinesischen Schriftgutes, macht einen Bogen um den obigen Text. Er übersetzt ihn zwar, doch er lässt ihn unkommentiert stehen. Lediglich den Ahn streicht er heraus und ersetzt ihn durch „In meinen Worten liegt ein Prinzip“ und den Herrn der Taten ersetzt er durch „In den Angelegenheiten der Menschen liegt ein System.“ Im Grunde zwei platte, nichts sagende Sätze. Auch von Chuang tzu, der sonst kaum etwas auslässt, kenne ich keine Stellungnahme dazu. Dabei ist Laotses wehmütige Kritik so etwas von vernichtend in Bezug auf die Verständnisbereitschaft der Menschheit. Diese flagrante Ausgliederung der Masse aus der Magie des Tao ist die Reaktion des Predigers in der Wüste, dem keiner zuhört.  Das allgemeine Unverständnis gegenüber scheinbar plausiblen Botschaften dürfte bereits von zweieinhalbtausend Jahren ausreichend Frust für eine solche Feststellung erzeugt haben. Ich muss dabei an Krishnamurti denken, der sechzig Jahre lang lehrte und am Ende, nach wie vor voller Güte, beklagte, wie wenig Menschen ihn wirklich verstanden hatten.

Um noch einmal kurz auf Krishnamurti zurückzukommen. Er wies sein Publikum immer wieder darauf hin, dass die Tatsache, dass wir die Welt und dass wir die Menschheit sind, nur von jemandem verstanden werden kann, der zuerst in sich selbst forschte und zum Verständnis seiner selbst gelangte. Erst wenn ich meine eigene Position im Universum wahrheitsgemäß, den wirklichen Tatsachen entsprechend geortet habe und diese gewaltige Bewegung verspüre, vermag ich auch die Metaphern alter Texte zu verstehen, die genau dieses verkünden. Die große Masse favorisiert die symbolischen Rattenfänger, die mit verführerischen Tönen das Volk zur Nachfolge aufstacheln. Sie versprechen Heil und Glück und sie bringen die Menschen, die ihnen glauben in eine bösartige und in den meisten Fällen eigensüchtige Abhängigkeit. Laotse verspricht nichts – das tat auch Krishnamurti nicht – aber er zeigt die Freiheit. Unsere Gesellschaft schreibt zwar Freiheit auf alle Fahnen, man schreckt jedoch vor jeder ernsthaften Verantwortung zurück. Deswegen interessiert sich in unseren Tagen ebenso wie einst kaum jemand für dieses Angebot. Das ist auch der Grund, warum die alten Taoisten vom Berufenen sprechen. Das ist kein Auserwählter, den die Meister oder Priester berufen hätten. Es handelt sich um Menschen, die aus sich heraus den Appell vernehmen, sich der Verantwortung eines Lebens zu stellen, das als Ganzes gelebt wird.

Der Schlüssel zum Verständnis des Spruches ruht in den beiden Zeilen Die Worte haben einen Ahn und Die Taten haben einen Herrn. Der Ahn der Worte wohnt in unserem Gedächtnis. Dabei handelt es sich nämlich um die gespeicherten Begriffe, praktisch um unseren Wortschatz, mit dessen Hilfe unser Denken dafür sorgt, dass wir Worte für die Wirklichkeit halten. Wenn uns ein Huhn vors Auto läuft, erleben wir das Wort „Huhn“ und halten es für das Federtier. Und wenn unsere Liebste Amanda heißt, dann erleben wir zuerst immer den Namen, ehe wir etwas vom Innenleben der Person gewahren. Kurz gesagt, der zivilisierte Mensch leidet an dem Krankheitsbild einer verbalisierten Welt. Die Denkvorgänge ersparen es uns, dass wir uns mit der wirklichen Welt befassen müssen. Wir setzen uns in unserem Ringen um Wohlergehen und Sicherheit an der Stelle von Tatsachen mit den Begriffen auseinander, die sie repräsentieren. Das ist einer der Gründe, warum sich viele einbilden, Laotse zu verstehen, aber nur eine kleine Zahl dies wirklich tut. Man vernimmt einfache Worte und verwandelt sie in einfache Ideen – die leider keinen Zugang zu einfachen Tatsachen haben. Fehler Nummer eins lautet also: Wir verbringen den größten Teil unseres Lebens in einer ideellen Welt. Sie soll uns vor dem Übel der echten, scheinbar so erbarmungslosen Welt bewahren und wir geraten in Panik, wenn die Realität in unsere Denkidylle einbricht.

Die Taten haben einen Herrn. Damit bezieht sich Laotse auf die Determinanten, die unser Handeln bestimmen, nämlich die mittelbare und unmittelbare Fremdeinwirkung durch Konditionen, Bindungen und Machthierarchien. Im Sinne der taoistischen Philosophie zählt selbst unser normales, alltägliches und von uns für verhältnismäßig unbeeinflusst gehaltenes Handeln dazu. Es wird von unserem Wissen reguliert, das wir durch Lernprozesse und synchron durch Erfahrung gewonnen haben. Unsere Reaktionen auf die Vorgänge des Lebens werden von Wirkkräften bestimmt, die so gut wie alle von außen in unser Gehirn eingedrungen sind. Und weil das Volumen unseres Wissens, die Summe unserer Lernprozesse, seine Grenzen hat, desgleichen unsere Erfahrung, die letztlich nur die Erlebnisinhalte der engen Rinne unseres Ich enthält, erleiden wir mit unseren Plänen so oft Schiffbruch. Unausgesprochen deutet Laotse in seinem Text an, dass die Tragik menschlichen Unglücklichseins, dieser chronische Mangel an Glück, nicht zuletzt seine Ursache in unseren Vorurteilen und Überzeugungen findet. Die Bindung an unser Wissen, unsere Gefühle der Verpflichtung an Lehren, Lebensregeln und Ratgeber sorgen gründlich dafür, dass das Tao te king entweder wie ein Buch mit sieben Siegeln auf uns wirkt oder dass wir es in freier, voreingenommener Interpretation gründlich falsch verstehen.

Davon schreibt Laotse im weitergehenden Spruch: Weil man die nicht versteht, versteht man mich nicht. Der Mangel an Einsicht in die Arbeitsweise unseres Denkens, das unser Sinneseindrücke in Wörter verwandelt und uns die Unmittelbarkeit des Erlebens stiehlt und die anonymen Herren unserer unerkannten Fremdbestimmung sorgen gründlich für das vertraute, aber dennoch falsche Weltbild, dem wir unser Handeln unterordnen. Der hier zitierte Satz weist, positiv verstanden, aber auch auf die Lösung hin. Einem Menschen, der sich vom Zwang des ständigen Verbalisierens befreit und alle Überzeugungen und alles Wissen seiner Psyche abtut, werden sich auch die Geheimnisse der Alchemie taoistischen Denkens und Handelns erschließen. Eben dass ich so selten verstanden werde, darauf beruht mein Wert. Wer Laotse recht versteht, dem öffnet sich die Bonanza, der Goldschatz eines gelungen, konfliktfreien und dennoch ereignisreichen Lebens

 

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3 Antworten zu An der Quelle des Tao 70

  1. Jörg H. sagt:

    Hallo,

    für den letzten Satz
    „Wer Laotse recht versteht, dem öffnet sich die Bonanza, der Goldschatz eines gelungen, konfliktfreien und dennoch ereignisreichen Lebens“
    könnte doch auch stehen
    Wer Laotse recht versteht, dem öffnet sich das Leben.
    Oder?

    Ciao
    Jörg

  2. Vanessa sagt:

    Puhhh!
    Erst mal durchtamen.
    Was für ein Text.

    Interessanterweise empfinde ich den letzten Satz so, wie er da steht, als deutlich besser gewählt: Als Ausblick auf ein „gelungenes, konfliktfreies und dennoch ereignisreiches Leben.“

    Ich frage mich, ob nicht bewusst gesetzte Worte auch Handlung sein können?

    Herzliche Grüße aus Hamburg,
    Vanessa

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