Der Koan zum Sonntag

In meinem Zweimonatsheft TAGundTAO habe ich eine zeitlang in jeder Ausgabe einen Zen-Koan gebracht. Der Koan stand irgendwo mitten im Text, mein Kommentar dazu war dann erst auf der letzten Seite zu finden, so dass sich Leserinnen und Leser einen Spaß draus machen konnten, vorher selber nach einer Antwort zu suchen. Einen dieser Koans habe ich aus einer Laune heraus in ein Acrylbild umgesetzt. Es hängt in einer unserer Ferienwohnungen und manche Gäste regt er zu Überlegungen an. Denen gebe ich dann vor der Abreise den unten stehenden Text mit auf den Weg. Also: hier ist er, und darunter sehen Sie auch das Bild:
Der Koan zum Sonntag*
Goso sagte: „Um ein Beispiel zu geben:
Es ist wie ein Büffel, der durch ein Fenster geht.
Sein Kopf, seine Hörner, seine vier Beine sind
alle durchgegangen. Wie kommt es, dass sein
Schwanz nicht hindurchgeht?“

* Zenkei Shibayama, Zu den Quellen des Zen, Seite 324

Gedanken über den Koan zum Sonntag

Man sollte meinen, wenn der Büffel mit seinen breiten Schultern, dem hohen Rücken und dem dicken Kopf durch das Fenster kommt, dass nach allen Gesetzen der Physik auch sein Schwanz hindurchpasst, leichter als alle anderen Körperteile. Aber denkste. Da hat man Pläne geschmiedet, um ein Ziel zu erreichen: Du willst in Zukunft dein Leben achtsamer verbringen, dir viel stärker bewusst sein, wie viel mehr dir von der Energie des Tao zufließt, wenn du den Dingen ihren natürlichen Lauf lässt, statt dich ständig mit deinem Wissen einzumischen. Und es gelingt, du kommst durch das symbolische Fenster hindurch – nur eines klemmt und hindert dich am Durchbruch: du hast Angst, dich so weit aufzugeben, dass dein Geist von nichts anderem als dem Tao mehr beeinflusst wird. Du klammerst dich am Körperende, dem Schwanz deines alten Wesens fest, weil du immer noch einen Rest Sicherheit darin vermutest. Das passiert auch dem Koan-Büffel. Sein Schwanz bleibt, weil er sich krümmt, zwischen Fenster und Rahmen hängen und er fällt in den Graben.

Oder nüchterner: Wir brauchten noch einen blechernen Gartentisch für die Gäste der zweiten Ferienwohnung. Und beschlossen, mit dem Auto zu den Baumärkten zu fahren, wo es eine Auswahl dieser Möbelstücke gab. Wir hatten unsere Ziele im Auge, die Ladefläche des kleinen Autos war umgeklappt, alles schien bereit zum Handeln. Im Auto fehlte noch Benzin, aber es gab ja Tankstellen genug, um dem Mangel abzuhelfen. Falsch. Am Tag unserer Fahrt streikten die Tankstellen! Wir mussten mangels Treibstoff zu Hause bleiben. Auch hier ging der Schwanz des Büffels nicht durchs Fenster. So passiert es oft mit unseren Plänen. Da hast du ein winziges Detail, weitaus kleiner noch als der Schwanz eines Wiederkäuers, nicht beachtet und dieses unbedeutende Teilchen lässt den ganzen, wohl ausgewogenen Plan zur Farce werden. Wenn man sich so mit Gedanken über den freien Willen beschäftigt, stimmt einen das doch richtig nachdenklich. Solange nicht die ganze Umwelt mit unseren Vorhaben harmoniert, genügt entgegen aller Logik der alberne Büffelschwanz zum Scheitern.

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4 Antworten zu Der Koan zum Sonntag

  1. Christoph Katz sagt:

    Die Amazon-Rezension „Grandiose Lebenshilfe…“ über das Buch „Zu den Quellen des Zen“ schrieb ich im April 2010, sie blieb bislang unbewertet, unbeachtet, so wie das Werk selbst kaum Beachtung findet, keinerlei „commercial potential“ besitzt, ein Ausdruck den vor langer Zeit Frank Zappa prägte.

    Genauer besehen ist dieser Umstand meines Erachtens ganz in der (taoistischen) Ordnung…

    Christoph

  2. Taononymus sagt:

    Eine weitere mögliche Deutungsvariante, ganz platt formuliert: 100% gibt’s nicht.

    Wie in dem Tankstellenbeispiel von Theo oben: es gibt keine 100%-ige Kontrolle äußerer Umstände, aber auch keine 100%-ige Umsetzung irgendeines anderen Bestrebens.
    Denn wo wäre sonst das 100%-ig fehlerfrei arbeitende Gerät, die 100%-ig sauber geputzte Fensterscheibe, die 100%-ige Beherrschung einer Fremdsprache und dergleichen mehr? Ich glaube, jeder der mal probiert hat irgendwas wirklich bestmöglich hinzukriegen, musste sich früher oder später mit der Frage beschäftigen, mit wie viel Prozent UNTER hundert er sich seinem Seelenheil zuliebe zufrieden gibt.
    Warum sollte das beim Umsetzen taoistischer Lebenskunst anders sein? Um sich „nur“ 99,9%-ig dem Geist des Tao überlassen zu können braucht es daher glaube ich gar nicht erst die oben in Theos Artikel erwähnte Angst vor den „vollständigen, perfekten“ 100%. Denn nicht einmal dann, wenn einem diese Angst fehlte, würden einem die 100% möglich sein, bekäme man bildlich gesprochen also „auch noch den Büffelschwanz durch’s Fenster“.

    Allerdings glaube ich, dass an genau diesem Punkt sehr wohl eine Angst in das Thema mit hineinspielt, und zwar in Form eines Drangs, unbedingt 100% erreichen zu müssen um zufrieden sein zu können oder zu dürfen. Denn ich glaube Menschen wissen oder spüren unbewusst, dass jeder noch so kleine übrigbleibende „Rest“ es in sich haben kann. Er hat das Potential ALLES wieder umzuwerfen und komplett weg zu pusten, egal wie lange es dauert und auf welchen direkten oder indirekten Wegen auch immer. Ich kann mich in einem Augenblick noch so sehr getrost und angstfrei dem Geist des Tao überlassen haben, die unvermeidbaren 0,001% werden früher oder später ihre Wirkung entfalten und damit bleibt die Unsicherheit über alle weiteren Entwicklungen bestehen.
    Der Schwanz des Büffels ist so zu sagen prinzipiell fest im Fensterrahmen verhakt… und wenn der Büffel versucht dies zu ignorieren und weiterzurennen wird’s schmerzhaft.

    Vielleicht fallen anderen Lesern noch ein paar weitere Deutungsvarianten ein?

    Grüße nach Piemont und ein schönes Wochenende
    Taononymus

  3. Christoph Katz sagt:

    „100%“ sind ja auch nicht erstrebenswert. Man beachte die Warnhinweise, die zum Beispiel im „Wahren Buch vom Südlichen Blütenland“ zu finden sind, dass eben Perfektion keinerlei Bestand haben kann; das Wirkprinzip der Veränderung, des Wandels käme ja dann zum Stillstand, das Wirkprinzip, welches mit dem schwarzen Punkt im Weissen und dem weissen Punkt im Schwarzen des Yin-Yang-Symbols angedeutet wird…

    Grüsse Dich Taononymus,

    Christoph

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