Ende der Fahnenstange?

Unter tagesschau.de fand ich unter der Überschrift „Es wird eng im Oberstübchen“ einen Beitrag von Wulf Rohwedder. Er streift die Frage, wie viel Prozent unseres Hirnpotenzials wir nutzen und räumt ein, dass hier nicht das große Defizit schlummert, wie es vielfach propagiert wird, dass da bestenfalls noch ein gewisser, subjektiv verschieden großer Freiraum verfügbar wäre. Sein Beitrag setzt sich voller Ironie mit den Hoffnungen auf eine künftige, evolutionsbedingt verbesserte Generation von Gehirnen auseinander. Mehr Hirnpower würde mehr Vernetzung bedeuten, sagt er, und das würde mehr Energie verbrauchen, als der menschliche Körper liefern kann, ganz zu schweigen von der notwendigen Kühlung, die dabei verlangt wird. Fazit: unser Gehirn hat in seiner Entwicklung bereits das Ende der Fahnenstange erreicht. Dem Individuum bleibt nur übrig, mit dem zu haushalten, was ihm die Natur in den Schoß gelegt hat.

So weit die Zusammenfassung von Rohweders Beitrag. Mich haben Publikationen über Funktion und Leistungsfähigkeit unseres Gehirns schon immer fasziniert. Und ich bin über die Jahre den unterschiedlichsten Theorien begegnet. Dass wir nur ein Fünftel unserer Fähigkeiten nutzen, zum Beispiel. Und die damit verbundenen Offerten gewisser Leute, gegen gutes Geld diesem Defizit mit bestimmten, seltsamen Methoden abzuhelfen. Dies alles bringt keinen Nutzen. Die wenigsten Menschen gestehen sich das Ausmaß der Verantwortung ein, welche bereits die Natur Ihnen für die Nutzung ihres Oberstübchens aufgeladen hat. Man sagt schlicht und einfach „Leben“ dazu – und grübelt darüber nach, was es für einen Sinn hat und welche Aufgaben eine imaginäre Macht einem übertragen haben könnte. Es wird überlegt, ob wir zu etwas „berufen“ sind, das wir bisher zu erforschen versäumt haben, oder ob wir uns zu den Unberufenen zählen müssen, die selber dafür zu sorgen haben, dass ihre Existenz einen Sinn bekommt.

Dem von Rohwedder verkündeten Aus für eine künftige evolutionäre Besserung unserer Hirndefizite lassen sich zum Glück ein paar Betrachtungen entgegenstellen, wie der Mensch von heute, also Sie und ich, ein bisschen mehr aus dem Gerät herauswirtschaften könnte, das uns da unter der Schädeldecke gewachsen ist. Um in dieser Sache einen ersten intelligenten Schritt zur Lösung des Problems zu tun, müssten wir einen fundamentalen Umstand als Tatsache erkennen – und künftig damit leben: nämlich, dass uns über zahllose Elterngenerationen hinweg der falsche Gebrauch unseres Gehirns eingetrichtert worden ist. Wir sind zum Werden erzogen worden, man hat jeder Generation, egal, welchen Glaubens sie war, beigebracht, dass der natürlichen Intelligenz, die dort am oberen Ende unseres Korpus wohnt, eine Menge weiterer Entwicklung hinzugefügt werden muss. Bitte, ich rede hier nicht vom notwendigen Wissen, vom Alphabet, der Kunst des Schreibens oder Rechnens, auch nicht von Kenntnissen, wie man eine Elektroleitung legt oder einen Herzschrittmacher setzt – ich rede von unserem Selbstverständnis, vom Bild, das wir von uns geschaffen haben, und an dem wir aus unerfindlichen Gründen immer weiter herumdröseln müssen. Manchmal scheint es tatsächlich, als ob es bereits in unseren Genen verankert wäre, dieses geistige Wachsen wollen. Ein Ringen, das unter dem Strich genau das Gegenteil des angestrebten Effektes bewirkt. Diese ständigen Bemühungen, etwas an sich verändern zu wollen, sind die Bremsen, die der freien Entfaltung der in unserem Gehirn angelegten natürlichen Intelligenz im Wege stehen.

Es gibt Theorien, dass bewusst und hellwach wahrgenommene Vorgänge vom Gehirn, weil bereits erlebt, nicht archiviert werden, die von den Sinnen verpassten Lebensprozesse hingegen allesamt ins Gedächtnis wandern. Über das Letztere will ich mich mangels Beweisen nicht äußern, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass vergangenes, aber bewusstes Erleben sehr wohl erinnert wird. Während ich diese Zeilen schreibe, werfe ich einen Blick zurück zum gestrigen Tag. Vor meinem geistigen Auge vermag ich die meisten Vorgänge zum Leben zu erwecken: Der Gang über den Wochenmarkt, die Kaffeepause, der neue Holzstiel für die Mistgabel, die Arbeit am Computer, während ich die ersten zwei Absätze dieses Textes niedergeschrieben habe, der kurze Spaziergang mit den Hunden, das Füttern der Katzen, ein Informationsgespräch mit unseren Gästen und so weiter, und so fort. Warum ich das erwähne? Weil es sich wie viele andere Theorien über unser Gehirn als überflüssig erweist, darüber nachzudenken – und es vor allem, absolut sinnlos ist, etwas daran ändern zu wollen.

Seine volle Kapazität entfaltet unsere biologische Intelligenz allezeit dann, wenn wir die Rollläden vor unseren Sinnen hochziehen, wenn wir an allen Bewegungen eines jeden Tages lebendiges Interesse haben, und zwar ohne dass wir bestimmte Vorgänge herausgreifen, weil sie uns wichtiger als andere sind. Das Geheimrezept lautet eigentlich Gleichgültigkeit. Wie bitte? Also Wurstigkeit? Nein – das Schlüsselwort muss getrennt betrachtet und geschrieben werden: gleich gültig! Es gilt, mit dem Auswählen, dem Vergleichen, dem Herausgreifen aufzuhören. Damit geben wir dem gallertartigen Ding da oben in unserem Schädel die Chance zu seiner vollen, vom Ringen nach Wachstum freien, ungebremsten Entfaltung. Die Formel für geistiges Wachstum ist schmerzhaft einfach. Sie lautet: ES IST SO.

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1 Response to Ende der Fahnenstange?

  1. gitti sagt:

    Ja, ich glaube ich weiss was Sie meinen Herr Fischer.
    Im Kleinen das Grosse zu erkennen, wie Goethe schreibt
    bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

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