Erleuchtung die II.

Mir gefällt die alte, vielfach illustrierte Geschichte vom Ochs und seinem Hirten gut als Analogie zum Thema Erleuchtung. Der Hirte kommt eines Tages auf die Idee, seinen Ochsen zu suchen, obwohl der vorher gar nicht vermisst wurde. Er erlebt auf der Jagd seine metaphysischen Abenteuer, erst entdeckt er nur den Ochsenschwanz, dann den ganzen Ochsen, der anfangs noch zur Hälfte schwarz ist, um dann nach und nach in Weiß umzufärben. Schließlich lässt der Ochs sich sogar reiten. Dann wird der Hirte still und ruht sich aus vom Kampf und Ringen beim Ochsenfang. Und da ist der Ochse plötzlich wieder verschwunden! Der Hirte stört sich nicht daran. Er kehrt nach Hause zurück und lässt sich auf dem Markt blicken. Niemand merkt ihm seine Abenteuer an, er benimmt sich kein bisschen anders als früher.

Nach meiner Einsicht in den Ur-Taoismus kommt dort die Forderung nach Erleuchtung überhaupt nicht vor. Falls sie in taoistischen Schriften auftaucht, dann sind diese mit Sicherheit nach der Übernahme durch den indischen Buddhismus verfasst worden. Der Taoismus ist ohnehin erst nach dem Einpflanzen einer Anzahl nicht-taoistischer spiritueller Ideen sozusagen bedingt religionsfähig geworden. Speziell die Besatzungen der einst wie Pilze aus dem Boden geschossenen Klöster brauchten die Erleuchtung als Zielsetzung für eine ebenso quälende wie fruchtlose Form geistigen Strebens. Wer in die Tiefe des taoistischen Denkens und dessen problematische Einfachheit eindringt, wird erkennen, dass er Erleuchtung ungefähr so nötig braucht wie ein gebrochenes Bein. Die Einsicht in die eigene Tiefe eines Individuums stellt sich als natürliche Folge des Aufgebens der Suche nach dem symbolischen Ochsen hinterher ganz von alleine ein.

Dieser Beitrag wurde unter Taoismus abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Erleuchtung die II.

  1. Christoph Katz sagt:

    Der Begriff „Erleuchtung“ ist leider von einem Nebel von Religiosität umwabert.

    Im ersten Beispiel des Bi-Yän-Lu heisst es:
    Wu-Di von Liang fragte den Grossmeister Bodhidharma: „Welches ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit“? (Wu-Di also in einem geradezu rauschhaften Erleuchtungsbedürfnis.) Bodhidharma sagte. „Offene Weite – nichts von heilig.“ Der Kaiser konnte sich nicht in ihn finden. (Was bedeuten soll, dass Wu-Di nicht kapiert hat, dass der Grossmeister ihn knallhart auf den taoistischen Boden der Tatsachen ziehen wollte. – Die ersten beiden Beispiele dieser wichtigsten Zen-Sammlung meines Erachtens ganz ausgesprochen taoistisch!)

    So ganz kann ich mich als jemand, der versucht, nach den Prinzipien des nichtreligiösen Taoismus zu leben, trotzdem nicht von dem Begriff lösen, vielleicht sollte ich ihn aber bisweilen durch „tiefe Einsicht“ oder „tiefe Erkenntnis“ oder ähnliches ersetzen.

  2. Taononymus sagt:

    Hallo Herr Fischer,

    hatte mich bisher bewusst nicht zum Thema „Erleuchtung und Taoismus“ geaeussert, mich aber eben doch an den PC gesetzt um dies im Rahmen der bisherigen Beitraege noch zu tun.
    Und nun finde ich hier diesen neuen Beitrag von Ihnen vor, der so haargenau zu den Punkten Stellung nimmt, die mir zu dem Thema im Kopf herum gingen, dass ich eigentlich „sprachlos“ bin, im positiven Sinne.

    Der Verdacht, dass das Thema Erleuchtung fuer den urspruenglichen Taoismus keine oder zumindest keine zentrale Rolle spielt, hatte sich bei mir schon laenger eingnistet. Mangels eigener tieferer Kenntnisse zu dem Thema bin ich bisher jedoch ueber das Vermuten nicht hinaus gekommen. Falls Sie Quellen zu diesem Thema empfehlen koennen, oder noch weiter darauf eingehen koennten, wie Sie zu diesem Schluss gekommen sind, wuerde ich mich sehr freuen.

    Auch was die Verwendung bzw. den Misbrauch der Zielsetzung „Erleuchtung“ im Rahmen von Klosterhierarchien und Lehrer-Schueler-Beziehungen angeht, bestaetigen Sie einen Gedanken, der sich auch mir aufgedraengt hat.
    So sehr ich Respekt vor der Haltung und dem Einsatz all derer habe, die aus tiefem Herzen fuer sich persoenlich Erleuchtung suchen, so sehr bin ich umgekehrt mistrauisch gegenueber denen, die in diesem Feld anderen gegenueber als „Meister“, „Lehrer“, „Fuehrer“, „Abt“ oder aehnliches auftreten. Und Klosterhierarchien vervielfaeltigen die Moeglichkeiten dieser Art von Misbrauch nochmals.

    Fuer mich persoenlich kann ich zum Thema Erleuchtung nur sagen, dass ich sie weder suche noch auf sonst irgend eine Art anstrebe. Ich schaetze am Taoismus eher die Beschaeftigung mit mehr alltaeglichen Lebensthemen und Fragestellungen und bisher hat sich bei mir daraus einfach kein Beduerfnis nach einer wie auch immer beschaffenen Erleuchtung ergeben. Dass ich solchen Beduerfnissen bei anderen Menschen tiefen Respekt entgegen bringe moechte ich jedoch nochmals betonen, um hier keine Misverstaendnisse aufkommen zu lassen.

    Viele Gruesse ins Piemont und an alle Mitkommentatoren und Mitleser,
    Taononymus

    • gitti haas sagt:

      Nach den metaphysischen Abenteuern kehrt der Hirte auf den Markt zurück…..
      das ist glaube ich der springende Punkt.Für die Anderen ist man der Gleiche doch innerlich hat etwas stattgefunden – das schwer zu erklären ist für jemanden der ES nicht selber erfahren hat. Ob das Erleuchtung heißt Umkehr oder Selbsterkenntnis ist nicht von Bedeutung.

      liebe grüße gitti

      • Sabine sagt:

        Selbsterkenntnis wäre für mich auch das Treffendste oder eben das Bewußtsein, gelernt zu haben, mit dem Leben und allem, was damit zusammenhängt, anders umzugehen.
        Das Leben selber ändert sich nicht, aber meine Sicht darauf hat sich geändert und damit auch mein Umgang damit.
        Sabine

  3. Christoph Katz sagt:

    Im Gegensatz zu Taononymus haben mir Weise, Führer und Meister auch aus dem nichttaoistischen Lager wie Yüan Wu ungeheuer geholfen, meinen WEG zu finden, möglicherweise sollte ich mich daher genauer als Eklektizist und nicht als Taoist bezeichnen.

    Um das obige Gespräch nochmals aufzugreifen. Kaiser Wu-Di fragte den Grossmeister Bodhidharma: „Wer ist das Uns gegenüber?“ Und dieser antwortete: „Ich weiss es nicht!“

    Die Interpretation dieser Antwort sei einem jedem selbst überlassen, als ich sie zum ersten Mal las vor etwa acht Jahren, hatte sie mich getroffen wie ein Donnerschlag. Bis ins Mark hatte sie mich getroffen, mehr als jede Zeile im Tao Te King hatte sie etwas in mir in Gang gesetzt und mich in der Folge weit voran gebracht. Ich bin Hermann Hesse, der mich mit seiner Rezension auf das Bi-Yän-Lu aufmerksam gemacht hat, und dem Herausgeber dieser Koan-Sammlung, Yüan Wu, unendlich dankbar.

    Das wäre nun alles, was ich zum Thema Erleuchtung sagen möchte. Ich grüsse alle Besucher dieses Blog von Herzen,

    Christoph

Schreibe einen Kommentar zu Taononymus Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.