Man muss die Dinge geschehen lassen können.

Ich habe vom Osten das gelernt, was mit dem Ausdruck Wu wei gemeint ist, nämlich: Nicht-Tun, Sein lassen, das etwas ganz anderes ist als Nichtstun… Der Bereich des Dunklen, in das man fällt, ist nicht leer. Es ist die ernährende Mutter Laotses, es enthält die Bilder und den Keim. Ist die Oberfläche geklärt, können die Dinge aus der Tiefe wachsen. Die Leute nehmen immer an, dass sie vom richtigen Weg abgekommen sind, wenn sie diesen Tiefen des Erlebens begegnen. Doch wenn sie nicht wissen, wie es weitergeht, dann lautet die einzige Antwort, der einzige Ratschlag, der sinnvoll ist: Warte ab, was das Unbewusste zu dieser Situation zu sagen hat. Ein Weg ist nur dann der WEG, wenn man ihn selbst findet und ihm selbst folgt. Es gibt keine allgemeingültige Vorschrift dafür, wie man es machen sollte.
C.G.Jung
(The Integration of Personality, Rinehart, New York, 1939)

In den Jahren 1986 bis 1989, während denen die Gedanken zu Wu wei entstanden, wusste ich nichts von dem Text C.G. Jungs. Trotzdem ist es verblüffend, ja fast verstörend: Jung hat damals aus dem eigenen Inneren das geschöpft, was er niederschrieb. Und ich habe viele Jahre später ohne fremden Einfluss, allein auf mich gestellt, die gleichen Informationen gefunden. Sie kamen quasi aus dem Nichts, aus einem Geist, der nach jahrelangem Forschen endlich aufgegeben hatte und bereit war, nichts zu wissen. Was ich damit sagen möchte: Was einst dem Psychologen Jung, und mit anderen Vorzeichen später mir selber widerfuhr, ist in jedem anderen Menschen ebenfalls vorhanden. Mit anderen Worten: Niemand von Ihnen bräuchte den obigen oder einen von mir – oder einem anderen ehrlichen Autor verfassten Text. Sich einfach ins Dunkle fallen lassen – und dort der ernährenden Mutter Laotses begegnen. Das ist alles. Werden sie es tun?

Und auch hier passt wieder Hermann Hesse http://www.die-taobaustelle.de/?p=283            

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2 Antworten zu Man muss die Dinge geschehen lassen können.

  1. gitti sagt:

    Lieber Herr Fischer!
    In meinem ganzen bisherigen Leben, habe ich die gleiche Erfahrung gemacht, daß diese „eigene Erfahrung machen“ das Um und Auf ist.
    Vor ca. einem Jahr bei dem Text „die angepflockte Ziege“, habe ich auf die Angst hingewiesen, die es immer wieder nicht zuläßt mich fallen zu lassen. Heute ein Jahr später…. ja was hat sich geändert? Von der Angst bin ich noch immer nicht ganz frei- muß ich auch nicht.Ich habe mich sozusagen selbst unter Druck gesetzt angstfrei zu werden.
    Das Gedicht von Hermann Hesse (Sabine), lese ich heute mit ganz anderen Augen. Die Angst als Triebfeder zu sehen, habe ich letztes Jahr total übersehen-also hat sich doch vieles geändert oder gelöst……
    Liebe Grüße Gitti

  2. JE sagt:

    Hallo

    – ja, oftmals (oder meistens) ist Angst die Triebfeder unserer Entscheidungen und unserer Gedanken, die sich stets abmühen, Lösungen für alle Lebenslagen zu finden und so unseren Konditionierungen gerecht zu werden.

    Die Schwierigkeit, ist es wohl, diese „Angst“ auszumachen, als solche zu erkennen, weil sie sich in unserem Leben so oft als Pflicht, Sicherheitsdenken, Verantwortung und gesellschaftliche Standards tarnt….-und die im Grunde wirklich nichts Anderes zu sein scheint, als unsere Angst vor dem Tod.
    Ich habe vor einigen Tage ein interessantes Zitat eines mir unbekannten Verfassers gelesen, das gut zu diesen Gedanken passt:
    „Immer, wenn wir zuviel Sicherheit suchen, stärken wir unsere Furcht“

    Dabei ist das sich Einlassen, sich in das Dunkel Fallenlassen so greifbar und einfach, mit dem Vertrauen, dass wir eigentlich nicht tiefer fallen können, als unser „eigenes Selbst“, in dem unsere Kraft wohnt.

    Dieses Wissen ist ein elementares Wissen, das –wie C.G.Jung schreibt- nur jeder Einzelne selbst finden und dem selbst folgen kann, worin ich ihm absolut zustimme.

    Vertrauen auf diese eigene Stärke und der Mut, sich hierauf zu verlassen, ist das, worin mich dieser Text bestärkt….

    Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße
    JE

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