Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 7

Wer bin ich?

Eine der Fragen, die sich der Mensch seit Urzeiten stellt, lautet: Wer bin ich? In der Übung Nummer eins steckt ein Zipfel der Antwort. Sie erinnern sich? Sie sollten beobachten, ob es außer Ihren Gedanken weitere Indizien dafür gibt, daß Sie ein Ich sind. Sie dürften derweilen herausgefunden haben, daß Ihr Ich-Gefühl vom Denken erzeugt wird, und wenn sich ergänzende Auskünfte über Ihr Ich vorfanden, diese wiederum Wissensbe­standteile waren, ausgedrückt ebenfalls durch Gedanken. Auf die Frage: Wer bin ich? läßt sich aufgrund Ihrer Eigenbeobachtung zur Stunde die Feststellung treffen, daß Sie jemand sind, dessen Identität zum einen aus einem einmaligen, unverwechselbaren, Leib oder Körper genannten Organismus besteht und zum ande­ren aus Gedanken, die diesen Organismus während des Denkens mit Ich bezeichnen —während Sie zu anderen Leuten Sie oder Du sagen. Ihr vom Körper als eigenständige Wesenheit getrenntes Ich – wir können ruhig auch Selbst dazu sagen, das meint das gleiche -ist viel weniger eine organisch auffindbare, fest installierte Insti­tution als eine Idee. Genau besehen ist unser Ich ein Denkgebilde. Wie es entsteht oder entstanden ist, und welche Konsequenzen sich daraus für unser Identitätsgefühl ergeben, wollen wir unter­suchen. Schließlich ist es nicht gerade eine besondere Ehre, wenn man mit zwanzig oder fünfzig noch nicht einmal weiß, was es mit der eigenen Identität auf sich hat, wer man ist. Es gehört zum Erwachsenwerden, daß wir uns dieser Frage stellen, aber allein und nicht auf dem Weg fremdbezogener Information.

Unser Ich-Bild ist ein Produkt des Intellekts, zusammengesetzt aus dem Bodensatz zahlloser Erinnerungen und Erfahrungen, Schlußfolgerungen und Meinungen. Zu ihm gehören ebenso

Schmerzen und Traumen der frühen Kindheit wie die Leistungen und Eroberungen des Erwachsenen. In diesem Ich-Bild verankert sind die ins Erwachsenenleben übernommenen kindlichen Ver­haltensmuster einschließlich der nachgeahmten Charakterzüge von Vater oder Mutter. Als Resultat Ihrer Beobachtungsübungen können wir ohne Zweifel feststellen: Da die Ich-Struktur ein Denkgebilde ist, gehört sie zum Intellekt-gesteuerten Gehirnbc-reich, dorthin, wo Wissen und Erfahrung angesiedelt sind und auch alles gespeicherte Unbewußte. Und nun frage ich Sie: Ist denn dann dieses Ich oder Selbst nicht auf fast peinliche Weise identisch mit dem, was die Psychologen <Psyche> getauft haben? Ist denn der Definition nach die Psyche nicht ein zeitlebens orga­nisch gewachsenes Gebilde von Eindrücken und Erlebnissen? Sind Sie nun verwirrt? Oder gar verärgert? Vermitteln Ihnen die obi­gen Zeilen das Gefühl eines Autobesitzers, dem der Mechaniker in der Werkstatt ein Teil zeigt, das er in den auseinandergenomme­nen Motor vergessen hat einzubauen? Und der jetzt Zwei fei hegt, ob das gutgeht? Mein Vergleich mit dem Auto stimmt insofern nicht und ist ergo kaum beunruhigend, als meine Worte kein Teil entfernt haben, das ledig und nutzlos nun irgendwo herumliegt. Ich habe lediglich auf vorsichtige Weise Zweifel in Ihnen gesät, ob das bewußte Teil, Ihr Ego, Ich, Selbst, Ihre Psyche, real vorhanden sind oder bloß in Gestalt eines vom Denken aufrechterhaltenen illusionären Gebildes ihr Dasein fristen. Das ist ein gewaltiger Un­terschied. Schließlich funktionieren wir alle so, wie wir sind, ohne daß uns jemand besonders auf unsere reale oder eingebildete Iden­tität hinweisen müßte.

Ihnen fehlt absolut nichts, wenn Sie entdecken, daß Ihr Ich-Gefühl, das Bild Ihres Selbst-Verständnisses allein Denken ist. Das war schon immer so, lange bevor Sie darauf aufmerksam wur­den. Diese Erkenntnis ist im Gegenteil ein weiterer Schlüssel für ein entspannteres, freieres Leben. Denn aufgrund seines intellek­tuellen Charakters hat dieses Ich keinen Zugang zu den spontanen Bereichen Ihres eigenen Hirns. Es gibt genug Philosophien, die

sagen: Du mußt dein Ich loswerden. Das ist purer Schwachsinn. Wer soll sein Ich loswerden – das Ich-Bild selbst, das doch ein Denkprodukt ist? Und wie kann jemand etwas loswerden, das bloß erdacht ist? Im vernünftigsten Fall könnte man raten, hör auf, von dir als abgetrenntem Ich zu denken, dann hört der Spuk der Isolie­rung von deinen kreativen Gaben von selber auf. Das ist nur ein wenig schwierig, wenn niemand weiß, wie so etwas zu bewerkstel­ligen ist. Wir werden bald weitersehen. Fürs erste reicht es aus, wenn Sie Ihre Feststellung begreifen, das heißt, ihre Richtigkeit und Stichhaltigkeit erkennen. Und weiter nichts unternehmen.

Im Kunstunterricht, den wir für unsere Zwecke adoptieren, wird den Schülern durch Übungen klargemacht, wie die intellek­tuellen Gehirnfunktionen, die normalerweise absolut die Ober­hand haben, zurückgedrängt werden können. Es geschieht, indem eine andere Art zu sehen und die Sinne zu gebrauchen erlernt wird. Normalerweise nehmen wir Sinneseindrücke über einen Puffer wahr, den unser Denken durch das Ich herstellt. Und wir sind bei allen unseren Wahrnehmungen überwiegend damit be­schäftigt, sie im Geist zu verarbeiten. Statt hinzuschauen, kom­mentieren wir, stimmen zu, lehnen ab, nehmen Stellung, ziehen Schlußfolgerungen. Alle Vorgänge unter der Flagge des: Ich meine, ich glaube, ich finde… Durch diese seit der Kindheit, weil so gelernt, eingefahrenen Mechanismen gelangt unser kreatives Persönlichkeitspotential, das das Wirkliche, Echte ist, selten zum Zug. Bevor wir mit den wenigen, aber wirksamen Spontan-Übun-gen beginnen, ist es notwendig, daß Sie Ihre jetzige Art wahrzu­nehmen deutlich erkennen. Dafür gibt es nun Übung 6:

Nehmen Sie <lhre> Minute und stellen Sie fest, was gerade um Sie hervorgeht. Beobachten Sie dies und beobachten Sie sich beim Beobachten. Klingl komisch? Aber genau das sollen Sie tun. Beobachten, sich beim Beobachten beobachten. Siesollen feststellen, wie sich in alle Wahrnehmung Ihr Denken ein­mischt. Verhindern Sie das nicht, wenn es Ihnen auffällt. Es geht

einzig darum, daß Sie bemerken, wie albern und aufdringlich sich Ihr Denken gebärdet. Weiter nichts. Tun Sie es, es wird Sie ein Stück voranbringen auf dem Weg zu Reife und Selbst-Ver­ständnis.

Dann hätte ich noch zum Kapitelschluß eine kleine, aber arg hin­terhältige Aufgabe – die Sie freilich nicht regelmäßig zu wiederho­len brauchen:

Wenn Ihr Ich ein Denkvorgang ist und Ihre Psyche sich aus Erin­nerungen zusammensetzt-wer, bitte, denkt dann Ihre Gedan­ken? Hm? Beobachten Sie sich beim Denken und stellen Sie fest, wie Ihre Gedanken blitzschnell vom Ich zum eigentlichen Denkvorgang überwechseln. Sie werden weiter bemerken, daß Sie die beobachteten Gedanken aus der Retrospektive wahrneh­men. Sie können einen gedachten Satz erst beobachten, wenn er gedacht, also zur Vergangenheit geworden ist. Dann wird er für das beobachtende Ich sichtbar, denn erst wenn der Gedanke vorbei ist, kann Ihr Denken wieder Sie, als den Beobachter, er­zeugen, der den gedachten Satz im Rückspiegel betrachtet. So einfach und so paradox ist das!

Bitte: Ich will niemanden verwirren und keinen Menschen ent­mutigen oder um den Verstand bringen. Es wäre dennoch unge­heuer wichtig, um des Elends und der Not der ganzen Menschheit willen, wenn in diesem ausklingenden Jahrtausend wenigstens ein paar Menschen kapieren würden, daß die Welt und sie selbst nicht so beschaffen sind, wie man uns seit Tausenden von Generationen glauben machen will.

 

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1 Antwort zu Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 7

  1. claudia sagt:

    Gut, dass mich diese Seite immer wieder daran erinnert, wer ich bin. Danke! Bitte weiter so.

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